Tiere brauchen Lücken im Kies
Sehen wir Kiesflächen in Bächen und Flüssen oder wandern am Ufer daran entlang, erscheinen sie uns solide: Stein an Stein liegt neben- und übereinander gehäuft. Was wir übersehen, sind die Lücken zwischen den Steinen. Die sind es aber, die für Tiere wichtig sind – so winzig die Lücken auch sein mögen. Zusammen bilden die Lücken ein Netz, das die Ökologie „Kieslückensystem“ nennt. Von Wasser durchflutet und gut mit Sauerstoff versorgt ist es der Lebensraum zahlloser Organismen, etwa der Larven von Stein-, Eintags- und Köcherfliegen. Auch für Fische ist es lebenswichtig: Bachforelle und Äsche legen in lockeren Kiesbänken ihren Laich ab. Die Eier und Fischlarven entwickeln sich dort, geschützt vor Strömung und Fressfeinden.
Erde und Schlamm setzen die Lücken zu
Das Problem: Schlamm und Sand können die Lücken verstopfen. In der Folge sterben Eier, Jungfische und Insektenlarven. Die Kiesbank ist tot. Die Ursache ist häufig Erdboden, den Starkregen von Feldern in Bäche und Flüsse schwemmt. Das Problem tritt vor allem dort auf, wo Äcker bis dicht an das Bachufer reichen.
Frischer Kies für den Gembdenbach
Was hilft dagegen? Bisweilen erholen sich verschlammte Kiesbänke von selbst. Ergiebiger Regen, der Wasserstand und Strömungsgeschwindigkeit steigen lässt, lagert Kiesbänke um, spült den Schlamm fort und stellt das Kieslückensystem wieder her. Vielerorts reicht dieser natürliche Prozess nicht aus. Das trifft vor allem auf begradigte oder anderweitig durch menschliche Eingriffe veränderte Bäche zu. Hier lohnt es sich, der Natur behutsam unter die Arme zu greifen und den Gewässern frischen Kies zu geben.
Am Gembdenbach tun wir das seit 2023. An geeigneten Abschnitten bringen wir gezielt Kies in den Bach ein. Tobias Mandel-Otto, stellvertretender Geschäftsführer des Gewässerunterhaltungsverbandes Untere Saale/Roda, berät und unterstützt uns dabei. Der Gewässerunterhaltungsverband ist es auch, der den Kies besorgt und die Technik zur Verfügung stellt.
Kies stabilisiert Uferböschungen
Am 31.07. dieses Jahres parkte ein Lastkraftwagen des Gewässerunterhaltungsverbandes erneut am Gembdenbach. Bei einer Ortsbegehung hatten Tobias Mandel-Otto und Benjamin Gottfried einige Wochen vorher eine passende Stelle festgelegt: In einer Außenkurve des Baches ist ein rund vier Meter hohes Steilufer. Das Erdreich an dieser Stelle ist locker, das Ufer droht weiter zu erodieren. Das Material hier am Ufer abzuladen, schafft ein Kiesdepot und stabilisiert gleichzeitig die steile Böschung.
Wasser verteilt den Kies im Bachbett
Insgesamt 9 Tonnen Kies der Körnung 16–32 mm beförderte die Doppelschaufel an dem Morgen in den Bach. Diese Menge erscheint groß für ein kleines Gewässer. Mit der Zeit trägt das Wasser die Steine jedoch fort und verteilt sie im Bachbett. An Stellen, wo Uferverlauf und Strömung es zulassen, lagern sie sich ab. Neue Kiesbänke entstehen. Das geschieht von selbst, ohne weitere Eingriffe von außen, gesteuert allein durch natürliche Faktoren. Alles, was wir getan haben, ist, dem Gembdenbach das Material dafür zu geben.
Wie schnell das Wasser die Steine transportiert und umlagert, zeigen Beobachtungen der letzten Jahre: Kies, den wir im Oktober 2023 am Ufer ablagerten, wanderte bis zum Sommer des nächsten Jahres mehr als 100 m bachabwärts.
Bevor der Kies kam, bargen wir die Fische
Übrigens: Bevor die Doppelschaufel die erste Ladung Kies in den Bach rieseln ließ, brachten wir die Fische in Sicherheit, die im betroffenen Abschnitt schwammen. Wie bei solchen Eingriffen ins Gewässer üblich, erfolgte vorher eine Elektrobefischung. Rund 300 m bachabwärts entließen wir die gefangenen Fische in die Freiheit.
Impressionen von der Kieseinbringung