Geschlechtsreife Rogner (Weibchen) und Milchner (Männchen) der Bachforelle lassen sich in der Laichzeit voneinander unterscheiden: Vor allem große Milchner besitzen einen gut erkennbaren Haken am Unterkiefer, dieser fehlt dem Weibchen. Die Genitalöffnung der Rogner ist rundlich und leicht vorgewölbt, während sie bei den Männchen kleiner, schmaler und eher eingesenkt erscheint.
Angelnde und Fischereivereine entlang der Thüringer Saale beobachteten in den vergangenen Jahren jedoch Ungewöhnliches: Immer wieder fingen sie um die Laichzeit herum Bachforellen, die kaum oder gar keine Geschlechtsmerkmale aufwiesen. Dabei hatten diese Fische bereits eine Größe erreicht, bei der Bachforellen normalerweise geschlechtsreif sind. Männliche Bachforellen werden im Alter von zwei Jahren geschlechtsreif, weibliche mit drei Jahren. Die Fische sind dann meist zwischen 25 cm und 30 cm groß.
Die Hinweise aus der Anglerschaft gaben Anlass zu einem Forschungsprojekt. Das Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie, Naturschutz und Forsten beauftragte das Institut für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow (IfB), der Sache auf den Grund zu gehen. Finanziert wird die Forschungsarbeit aus Mitteln der Thüringer Fischereiabgabe. Zwischenergebnisse stellte der Mitarbeiter des IfB, Daniel Hühn, unlängst in Jena vor.
Elektrobefischungen zwischen Saalekaskade und Orlamünde
Die Forscher nahmen zunächst Kontakt zu Angelvereinen und Bewirtschaftern verschiedener Saaleabschnitte auf und werteten aus, wo sich entsprechende Beobachtungen häuften. Anschließend wählten sie mehrere Untersuchungsstrecken zwischen der Saalekaskade und Orlamünde aus und führten von September 2024 bis September 2025 Elektrobefischungen durch.
Insgesamt fingen die Forschenden mehr als 750 Bachforellen, maßen die Fische und dokumentierten Erscheinungsbild und Merkmale. Zusätzlich untersuchten sie im Labor das Alter und die Entwicklung der Gonaden einer Stichprobe. Als Gonaden werden die Geschlechtsorgane von Fischen bezeichnet – also Eierstöcke bei Rognern und Hoden bei Milchnern. Ihre Entwicklung gibt Auskunft darüber, ob ein Fisch laichreif ist oder nicht.
Die Beobachtungen der Angler bestätigen sich
Die Ergebnisse zeigen, dass die Meldungen aus den Vereinen keineswegs Einzelfälle waren. Bei den untersuchten weiblichen Fischen traten während der Laichzeit viele Tiere mit unvollständig entwickelten Eianlagen auf. Etwa die Hälfte dieser Weibchen trug unreife Eier in sich. Die Fische waren jedoch keineswegs ungewöhnlich klein. Viele maßen zwischen 29 und 37 Zentimetern und gehörten Altersklassen an, in denen Bachforellen nach bisherigem Wissen geschlechtsreif sind. Ähnliche Beobachtungen wurden bei den Milchnern gemacht.
Gleichzeitig fanden die Wissenschaftler auch vollständig laichreife Fische derselben Größen- und Altersklassen. Anscheinend entwickelt sich nicht die gesamte Forellenpopulation in den Untersuchungsabschnitten gleich.
Temperatur allein scheint keine Erklärung zu sein
Die Forscher untersuchten darüber hinaus die Umweltbedingungen in der Saale und maßen dafür unter anderem die Wassertemperatur entlang des Flusse. Einige Abschnitte der Saale erwärmen sich im Sommer auf über 20 Grad Celsius. Die Wissenschaftler fanden bisher jedoch keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen diesen hohen Temperaturen und den beobachteten Auffälligkeiten. Die Unterschiede zwischen reifen und unreifen Fischen treten innerhalb derselben Gewässerabschnitte auf und betreffen Tiere ähnlicher Größe und ähnlichen Alters.
Welche Ursachen werden diskutiert?
Eine eindeutige Erklärung gibt es bislang nicht. Daniel Hühn stellte in seinem Vortrag mehrere Ursachen zur Diskussion:
veränderte Umweltbedingungen, z. B. klimatische Veränderungen
hormonell wirksame Substanzen im Wasser
züchterische Bearbeitung der Satzfische
Änderung der Größe und des Alters beim Erreichen der Geschlechtsreife
Auswirkungen früherer Besatzmaßnahmen
Insbesondere hormonell wirksame Stoffe werden in wissenschaftlichen Untersuchungen mit einer veränderten Geschlechtsreife von Fischen in Verbindung gebracht. Daniel Hühn betonte jedoch, dass derzeit keine der diskutierten Ursachen als wahrscheinlichste oder gar alleinige Ursache in Betracht kommt. Aus Sicht der Forschenden ist es deshalb wichtig, weitere Daten zu sammeln, in der Hoffnung, der Ursache auf die Spur zu kommen.
Welche Untersuchungen als Nächstes folgen, ist derzeit offen. Im Vortrag wurden verschiedene Ansatzpunkte für weitere Forschungen genannt. Dazu gehören:
genetische Analysen bereits gesicherter Proben
Auswertung von Besatzmaßnahmen, die in der Vergangenheit erfolgten
Recherche zum Vorkommen möglicher hormonell wirksamer Stoffe im Gewässer
Vergleiche der Gonadenentwicklung mit anderen Forellenpopulationen innerhalb und außerhalb des Saaleeinzugsgebietes.
Bedeutung für die Fischerei
Für die Bewirtschaftung der Saale ist das Thema von großer Bedeutung. Die natürliche Reproduktion ist wichtig für einen gesunden Bachforellenbestand in der Saale. Bestätigen sich diese Beobachtungen, erlangen viele Bachforellen ihre Fortpflanzungsfähigkeit erst deutlich später als bisher angenommen. Diese Verzögerung könnte die natürliche Vermehrung beeinflussen und folglich die Entwicklung der gesamten Population.
Es bleibt zu hoffen, dass weitere Untersuchungen die Ursachen klären können. Alle Anglerinnen und Angler an der Saale sollten gefangene Forellen genau betrachten, ihre Beobachtungen aufschreiben und die Informationen an die Fischereivereine weitergeben.