Eine unerwartete Begegnung
Minuten danach löst sich das Rätsel auf. Direkt hinter meiner treibenden Pose, am gegenüberliegenden Ufer, steigt ein Fischotter aus dem Wasser und turnt über Erlenwurzeln, ein Rotauge im Maul.
Das Tier zu beobachten, ist eine Freude. Seine elegante Gestalt, das freche Gesicht, die schwarzen Knopfaugen, die kleinen Ohren. Das Auftauchen des Otters verändert den Fluss für mich augenblicklich, lässt ihn lebendiger, reicher erscheinen.
Der Fischotter lebt da, wo es Wasser gibt: an Flüssen, Bächen, Seen, Teichen. Er ist Einzelgänger, überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv und durchstreift große Reviere, die sich entlang von Gewässern über viele Kilometer erstrecken können. Der Räuber jagt vorwiegend Fische, verschmäht aber auch Amphibien, Krebse und Vögel nicht.
Ende der 70er Jahre war er fast ausgestorben
Anfang der 1980er-Jahre verbrachte ich als Jugendlicher etliche Stunden an Oker und Aller nördlich von Braunschweig. Einen Otter zu Gesicht zu bekommen, konnte ich nicht hoffen, selbst Trittsiegel fand ich nie. In den 1970er Jahren stand er in Deutschland am Rand des Aussterbens, in Thüringen galt er als ausgestorben. In ganz Deutschland lebten nur noch etwa 1000 Tiere. Starke Bejagung in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Population schrumpfen lassen. Hinzu kam eine fortschreitende Zerstörung seines Lebensraums: begradigte Flüsse und Bäche, landwirtschaftlich genutzte Auen, verschmutzte Gewässer, Brücken und Wehre, die den Weg versperren, sowie todbringende Straßen setzten ihm so zu, dass er kaum noch Platz zum Leben fand.
Positive Signale
Seit Mitte der 1980er-Jahre erholen sich die Bestände langsam. Vor ungefähr 20 Jahren kehrte der Fischotter nach Thüringen zurück. Von ganz allein und oftmals unbemerkt nahm er seine Reviere wieder in Besitz. Hartnäckig hält sich die Ansicht, es habe Wiederansiedlungen gegeben, belegen lässt sich das nicht. Mittlerweile gibt es aus allen Thüringer Flusseinzugsgebieten Nachweise des Räubers. Besonders an Pleiße, Weißer Elster und Saale fühlt er sich wohl. Leider geht es ihm nicht in allen Regionen so gut: Der nationale Bericht für die Flora-Fauna-Habitatrichtlinie der EU beschreibt 2025 den Status des Fischotters in Deutschland als „ungünstig-unzureichend“.
Die Rückkehr ist zweifellos ein positives Zeichen. Sie deutet auf einen verbesserten Zustand unserer Gewässer hin. Aber von seinem Vorkommen allein lässt sich nicht auf einen naturnahen, ökologisch intakten Fluss schließen. Er kann überall dort leben, wo er ausreichend Nahrung und Ruhe findet und nicht durch Gifte im Wasser Schaden nimmt.
Nicht jeder sieht ihn gern
Otter haben einen guten Ruf. Unzählige Tierdokumentationen und Zeichentrickfilme prägten das Bild des sympathischen Räubers, der uns mit seiner Lust am Spiel für sich einnimmt. Aber nicht immer trifft sein Erscheinen auf Begeisterung. Vor allem Besitzern von Fischteichen ist er ein Dorn im Auge. Der Grund ist offensichtlich: Er ernährt sich von Fisch. Teichanlagen mit reichem Fischbestand sind ein Jagdrevier nach seinem Geschmack. Besonders gefährdet sind flache und kleine Teiche. In solchen Teichen kann ein Fischotter erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Das führt zu Konflikten, denn Teichwirte haben ein berechtigtes Interesse daran, ihre Lebensgrundlage zu sichern. Eine wirkungsvolle, wenn auch aufwendige Schutzmaßnahme ist die Einzäunung der Teiche, z. B. mit Elektrozäunen. Nicht immer ist das möglich, aber für kleine Teiche mit wertvollem Fischbestand, z. B. Laichfische, lohnt sich der Aufwand.
Fischotter fressen meist kleine Fische
Fischotter fressen Fische. Nur welche? Untersuchungen für das Projekt „Fischotter-Modellregion Weiße Elster“ zeigten, dass er überwiegend Fische frisst, die nicht größer als 20 cm sind. Große Fische erbeutet er seltener. Das überrascht nicht: Otter fressen kleine Fische, weil diese häufiger sind. Es ist einfacher, sich von ihnen zu ernähren, als großen Fischen nachzustellen. Aus dem gleichen Grund fressen sie hauptsächlich weitverbreitete Fischarten wie Gründling und Plötze – statt seltener Arten. In Flüssen und Bächen, die in einem guten ökologischen Zustand sind, schadet die gefressene Menge dem Fischbestand nicht. Nur in geschädigten Gewässern kann ihr Appetit die Fischpopulation schmälern.
Schuld ist nicht der Fischotter
Ist es gerechtfertigt, dem Otter die sinkenden Fischbestände in unseren Flüssen anzulasten? Nein. Sinkende Fischbestände lassen sich in den meisten Fällen auf andere Ursachen zurückführen: Begradigung der Flüsse, eintönige Ufer, zerstörte Auen und Altarme, Einleitungen aus der Landwirtschaft, Rückstände aus Industrie und Kläranlagen und vieles mehr. All diese Faktoren haben einen größeren Einfluss. Und Verursacher sind nicht Fischotter oder andere Räuber, sondern wir.
Wir müssen unseren Einfluss verringern
Wir haben Gewässern und allem, was darin lebt, in der Vergangenheit übel mitgespielt – und tun es immer noch. Weniger als 10 % der Flüsse und Bäche in Deutschland sind in einem guten ökologischen Zustand. Darunter leiden auch Äschen, Forellen und Barben.
Der Fischotter zählt seit mehreren Tausend Jahren zur heimischen Säugetierfauna. Er gehört hierher. Wir verschwenden Zeit, wenn wir sinkende Fischbestände beklagen und mit dem Finger auf ihn zeigen. Besser, wir verringern unseren Einfluss und beseitigen Schäden der Vergangenheit. Wir könnten Bäche aufweiten, Stillwasserzonen anlegen, Kies und Totholz einbringen, Altarme mit dem Fluss verbinden und dynamische Veränderungen zulassen. Möglichkeiten gibt es viele, an manchen Orten haben sie sich bereits bewährt. Lebendige Flüsse und Bäche mit reichen Fischbeständen – das wäre ein Traum. Für uns und für den Fischotter.